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Ivan Illich 100 Jahre

Am 4. September wäre Ivan Illich 100 Jahre alt geworden. Schon vor Jahrzehnten fragte der Kulturkritiker, Philosoph und Theologe, wann Fortschritt in Abhängigkeit umschlägt, was große Institutionen mit unserer Selbstbestimmung machen – und wie wir eigentlich leben wollen.

Viele seiner Fragen begegnen uns heute neu: bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, beim Umgang mit Wachstum und Ressourcen, bei Bildung und der Frage nach einem guten Zusammenleben.

Zum 100. Geburtstag laden wir dazu ein, Ivan Illich neu zu lesen: mit unserer Neuerscheinung im Verlag Akademie Pannonien, mit Stimmen zu seinem Werk und mit Veranstaltungen, die seine Fragen in die Gegenwart weiterführen.






Zum Buch „Entlang der Wasserscheide. Im Gespräch mit Ivan Illich“. (David Cayley, aus dem Englischen übersetzt von Franz Tutzer).


Stimmen zum Buch – Elisabeth E. Schwarz / Karl W. Schwarz

„Dem Himmel und der Erde treu“ – Essay von Hans Göttel

Veranstaltungen zu Ivan Illich

(Zeichnung: Klaus Pitter)

Neuerscheinung im Verlag Akademie Pannonien:

Entlang der Wasserscheide. Im Gespräch mit Ivan Illich. (David Cayley, aus dem Englischen übersetzt von Franz Tutzer)

Ivan Illich (1926–2002), in Wien geboren, war katholischer Priester und radikaler Kritiker der grenzenlosen Wachstumsgesellschaft. Seine Analysen fehlgeleiteter Entwicklungspolitik
sowie der Kontraproduktivität von Schule, Technik, Medizin und Verkehrswesen waren in den 1970er Jahren provokant und irritierend, rückblickend jedoch hellsichtig und tiefgründig. In den 1990er Jahren ließ die mediale Aufmerksamkeit für Illich nach, doch inzwischen ist ein neues Interesse zu beobachten. Giorgio Agamben spricht in Anlehnung an Walter Benjamin vom „Jetzt der Lesbarkeit“ seines Werks.

Auf das „Jetzt seiner Lesbarkeit“ setzt der Verlag Akademie Pannonien in Eisenstadt mit einer deutschsprachigen Veröffentlichung von Interviews, die der kanadische Autor und Journalist David Cayley Ende der 1980er-Jahre mit Illich geführt hatte. (David Cayley: Entlang der Wasserscheide. Im Gespräch mit Ivan Illich, 2026)


Das vorliegende Buch fördert diese Lesbarkeit auf besondere Weise. Es geht auf die Hartnäckigkeit David Cayleys zurück, dem es 1988 gelang, eine Reihe von Gesprächen mit Illich aufzunehmen.
Aus deren Transkription entstand dieses Buch. Cayleys Ziel war es, Illichs Denken im Zusammenhang mit seinen Lebensstationen und zeitgeschichtlichen Umständen darzustellen. Das Buch bewahrt die Spontaneität des Mündlichen, zeigt prägende Einflüsse und Anlässe von Illichs Arbeiten und eignet sich sowohl als Einführung als auch für Kenner:innen seines Werks.

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Stimmen zum Buch

eine ausführliche Rezension von Elisabeth E. Schwarz und Karl W. Schwarz

Was macht ein Gespräch mit Ivan Illich aus den späten 1980er-Jahren heute noch lesenswert? Die Rezension von Elisabeth E. Schwarz und Karl W. Schwarz zeigt, wie unmittelbar Illichs Fragen in unsere Gegenwart reichen – von den Auswirkungen von Technik und Institutionen bis zu unserer Vorstellung von Selbstbestimmung und einem guten Leben.


Die Akademie Pannonien versteht sich als Lernort für Weltbürger:innen, als eine Art Oase des Nachdenkens, die in unterschiedlichsten Fragestellungen immer wieder auf den spannenden katholischen Priester und radikalen Kritiker der Wachstumsgesellschaft Ivan Illich (1926-2002) zurückgreift. Sein Genius “spukt” schon lange durch das Europahaus, wie Hans Göttel und Franz Tutzer in der lyrischen Einleitung zum anzuzeigenden Buch formulieren. Diesen “Hausgeist” will man sichtbar machen. Was scheint besser dazu geeignet, als ihn selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen, und zwar im fortgeschrittenen Alter in einer Art Rückblick auf Entstehungsgeschichten und Hauptanliegen seiner wichtigen Bücher.


David Cayley, ein kanadischer Radiojournalist, konnte Ende der 1980er Jahre ausführliche Interviews mit dem damals über 60jährigen Illich führen und diese unter dem Titel: “Ivan Illich. In Conversation” 1992 veröffentlichen. Zu Illichs 100. Geburtstag wurde nun mit der Übersetzung ins Deutsche Illichs Licht nochmals zum Leuchten gebracht.

Um diese nomadenhafte Persönlichkeit topographisch einigermaßen einordnen zu können, sei auf seine Herkunft aus dem adriatischen Raum verwiesen, die Einführung erwähnt den Großvater, der auf einer Insel vor der Küste Dalmatiens lebte und den in Wien geborenen Ivan als Kleinkind „segnete“ (S.15). Eine Wanderung durch die Weinberge am Rande von Wien kurz vor dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland im März 1938 markiert seinen Aufenthalt in der großväterlichen Villa in Pötzleinsdorf zwischen 1932 und 1942, ehe er wegen der jüdischen Abkunft seiner zum Protestantismus konvertierten Mutter 1941 die Schule in Wien verlassen musste und in Florenz maturierte, mit dem Studium der Chemie und Geschichte begann, aber zum Studium der Philosophie und Theologie nach Rom an die Gregoriana übersiedelte, wo er in dem Süditaliener Domenico Farias (1927-2002), später Philosophieprofessor, einen engen Freund gewann, der zum vorzustellenden Buch einen vorzüglichen Kommentar („Im Schatten von Hieronymus“ – S. 281-296) beisteuerte. Dieser ist gerade auch für das theologische Selbstverständnis Illichs und für dessen Verankerung in der patristischen Literatur, insbesondere bei dem aus Dalmatien stammenden Kirchenvater Hieronymus (348/49-420) sehr erhellend.  

1951 zum Priester geweiht promovierte Illich in Salzburg zum Dr.phil. mit einer Arbeit über die Philosophie Arnold Toynbees. Nach einem kurzen Aufenthalt im Vatikan wechselte er nach Amerika, um bis 1956 in einer puerto-ricanischen Pfarrei in New York als Priester zu wirken. Er nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Mit seinem Engagement im Rektorat der Katholischen Universität Puerto Rico in Ponce begann eine langwierige Konfliktgeschichte, die ihn als Kritiker der vatikanischen Südamerikapolitik in den Kreis der Befreiungstheologie führte. Weitere Stationen seines politisch aufgeladenen Wirkens waren, gefördert von Kardinal Francis Spellman (1889-1967), Erzbischof  von New York, das Centro Intercultural de Documentacíon (CIDOC) in Cuernavaca in Mexiko, dessen Leitung ihm übertragen wurde. Nach dem Tod von Kardinal Spellman wurde Illich von der Römischen Kurie wegen seiner kritischen theologischen Aussagen belangt und mehr oder weniger 1969 zum Verzicht auf die Ausübung priesterlicher Funktionen gedrängt. Er blieb seinem Selbstverständnis nach aber Priester, der am Zölibat festhielt. Ab 1979 holten deutsche Universitäten Illich als Gastprofessor nach Kassel, Marburg, Oldenburg, Berlin und Bremen, wo er 1998 mit dem dortigen Kultur- und Friedenspreis ausgezeichnet wurde, wo ein Arbeitskreis „Denken nach Illich“ etabliert wurde und wo er auch 2002 über eigenen Wunsch bestattet wurde.

Gegen Ende der im Buch wiedergegebenen Interviews formuliert Ivan Illich, was er besonders in den verbleibenden Lebensjahren weiter ergründen wolle (S.209). Es sind die Grundfragen, die ihn wohl schon sein ganzes Forscherleben begleitet haben, nämlich: Was machen unsere Werkzeuge mit uns? Wie wirken sie auf uns, auf unsere Wahrnehmung von Welt und auf unsere Wahrnehmung von uns selbst? Wie wirken sie auf unsere Lebendigkeit und Liebesfähigkeit?

Was machen unsere Werkzeuge mit uns?

Unter Werkzeuge reiht er nicht nur den Hammer oder die Schreibmaschine, sondern Einrichtungen wie die Schule, Krankenhäuser oder alle Technologien – auch das Alphabet, das – wie ihm nun scheint – die interessanteste Technologie ist, “die den Raum formt, der gemeinhin als westliche Kultur bezeichnet wird” (S.209). Veraltet, zu abstrakt, abgehoben? Nicht, wenn man das Handy, die sozialen Medien oder KI als Werkzeuge vor Augen hat. Dann merkt man, wie drängend diese Fragestellungen gerade heute sind. Seine Analysen über die negativen Auswirkungen des Computers Anfang der 90er Jahre klingen geradezu prophetisch – und hilfreich in der Analyse der Werkzeuge Handy, soziale Medien und KI.

Illich plädierte seit den 70er Jahren grundsätzlich für eine neue Bescheidenheit, Selbstbegrenzung und eine Begrenzung des Wachstums – war in intensivem geistigen Austausch mit dem Club of Rome; er warnte vor dem Alptraum einer zukünftiger Konzerndiktatur – und ist auch damit höchst aktuell.

An vielen unterschiedlichen Werkzeugen führt Illich im Laufe der Gespräche vor, wie sie zunächst nützlich erscheinen, aber im Laufe der Zeit zwei “Wasserscheiden” überspringen und zur Last werden. Die 1. Wasserscheide, die übersprungen wird, ist jene von der Erfindung zum hilfreichen Gebrauch. Nach Überspringen der 2. Wasserscheide kehrt sich das Werkzeug gegen die Benutzer:innen selbst. Autos sind z.B. eine wunderbare Erfindung, um größere Distanzen zurück zu legen, aber wenn es zu viele davon gibt, sind sie nicht unbedingt schneller am Ziel, sondern stehen im Stau.  

Schulen als Hort des Wissenserwerbs sind ein gutes Werkzeug, aber mit der Einführung der Schulpflicht werden seiner Meinung nach die Übel größer als die Vorteile. Denn dann zementieren sie Ungleichheit und bestärken jene, die wenig Schulerfolg haben in der Meinung, dass späterer gesellschaftlicher Erfolg auf Grund der Schulnoten nicht möglich ist, auch wenn sie für die Arbeit genügend Qualitäten hätten.

Medizinische Erfindungen / Entwicklungen können ebenfalls diesen Weg nehmen und Menschen erst recht krank, medizinisch unselbständig und hilflos machen. Zu den hier kurz skizzierten Bereichen schrieb Illich jeweils aufrüttelnde, kritische Bücher. Die “Entschulung der Gesellschaft” wurde beispielsweise Anfang der 70er Jahre zur aufregenden Lektüre während meines Pädagogik-Studiums.

Als junger katholischer Priester argumentierte Illich intensiv gegen Bürokratie und Machtgelüste seiner Kirche und die Art der Entwicklungshilfe, wie er sie in Mittel- und Südamerika gerade aufblühen sah. Über sein Institut CIDOC in Mexiko wurde deshalb für einige Zeit ein Interdict des Vatikans verhängt; dennoch war es als Sprachschule und Seminarzentrum “eines der Epizentren der intellektuellen Unruhe der späten sechziger und frühen siebziger Jahre” (S.25).

Sein wissenschaftlicher Hintergrund und Vergleichspunkt, von dem aus Illich neugierig und kritisch mit seinen Studierenden auf aktuelle Entwicklungen sehen und Wandlungen erkennen und analysieren wollte, war seine humanistische Bildung, die Kirchenväter und seine historischen Kenntnisse speziell des 12. Jahrhunderts. Er bezieht sich dabei sehr oft auf den Theologen und Philosophen Hugo von St. Victor (um 1097-1141) als besonders wichtigen Denker dieser Zeit.

Illich entdeckte und war davon fasziniert, dass man in diesem Jahrhundert begonnen hatte, in den Büchern Abstände zwischen den Worten zu setzen (S.213). Nun war es nicht mehr nötig, laut zu lesen, um Inhalte zu verstehen. Vom Hören gingen die Menschen beim Lesen also zum Sehen über. Im Interview führt er vor Augen, welche radikale Veränderung dies in der Wahrnehmung und im Selbstverständnis der Menschen auslösen musste und wie sehr ihn diese Frage gerade beschäftigte.

Ein Gespräch mit dem älter gewordenen Illich

David Cayley befragt Ivan Illich über dessen ganzes Leben – praktisch von einem Buch zum anderen. Cayley ist sehr gut vorbereitet, bringt Zitate aus dessen Büchern (Illich: “Es schmerzt mich zu sagen, dass du dieses Buch besser kennst als ich” S.115) und bittet um aktuelle Stellungnahmen dazu. Damit komme ich zum für mich besonders Spannenden an diesem Buch: Was bleibt in der Erinnerung des Autors haften? Was ändert sich durch das Älterwerden an den eigenen früheren Ideen? Wie viele neue Sichtweisen erlaubt sich der Mensch, erlaubt sich Illich?

Manchmal wirkt er überrascht von eigenen, einmal getätigten Aussagen – er erinnert sich nicht mehr oder er antwortet: “Ja, so dachte ich vor 25 Jahren” (S.102). Oder an anderer Stelle: “Ich habe diese Bücher als Antwort auf eine ganz bestimmte Situation geschrieben. Es ist in gewisser Weise überraschend, dass sie noch im Umlauf sind… Aber sie sind tot, geschriebenes Zeug für jene Zeit” (S.116).

So entstand sein Buch: Tools for Conviviality 1973 (Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik 1975) mitten in einer Zeit heftiger Auseinandersetzungen, in der sogar auf ihn geschossen wurde, “weil ich die Peace Corps und die vom Papst entsandten Freiwilligen lächerlich machte und den Nutzen in Frage stellte, den professionellen Standard der nördlichen Länder zur Norm zu machen, nach der die südlichen Länder die Schulen, die Krankenhäuser oder die Vorstellung von Gesundheit entwickeln sollten”. Und er schließt mit dem Satz: “Ich befand mich in einer anderen Situation und sah gewisse Dinge sehr viel klarer als ich sie heute sehe” (S.116).

Was bedeutet das? “Klarer sehen” – und gleichzeitig das Geschriebene für “tot” erklären? Ist es die Erfahrung des Alters, dass man mehrere Aspekte zu einem Problem sehen kann? Ist es jene Erfahrung, die ihn auch sagen lässt: “Ich lebe auch mit einem Gefühl von tiefer Ambiguität” (S.225).

Manchmal gibt er zu, sich nicht mehr zu erinnern, was er einst geschrieben hat; manchmal korrigiert er heftig, wo er sich von anderen missverstanden gefühlt hat. Immer wieder versucht er von Neuem zu formulieren, worauf es ihm eigentlich ankommt; je nach Fragestellung sind das unterschiedliche Antworten.
Am häufigsten höre ich heraus, dass er die natürliche Lebendigkeit des Menschen und sein individuelles Subjektsein retten will – durch Werkzeuge / Institutionalisierungen aller Art ging das seiner Meinung nach verloren. Und: Die Kirche sollte sich auf das Mysterium besinnen, der /die Einzelne darauf, dass er / sie “Kreatur” Gottes ist, was aus dem Bewusstsein der westlichen Welt verschwunden zu sein scheint (S.253).

Illich trat immer als heftiger Warner auf; natürlich wollte er Veränderungen, auch wenn er in den Interviews mehrmals betont, nur den Ist-Zustand auf der Folie früherer Jahrhunderte kritisch beleuchten zu wollen, weder zur Vergangenheit zurück, noch ein Rezept für die Zukunft bieten zu wollen / können. Für viele gesellschaftliche Anliegen der letzten Jahrzehnte, die zu großen Demonstrationen führten, findet man bei ihm gute Argumente. Für die feministische Bewegung lässt sich das allerdings aus den Interviews nicht herausfinden. Ob da die Lektüre seines Buches: „Genus. Zu einer historischen Kritik der Gleichheit“ 1982 mehr Anregungen bietet?

Eine Einladung zur eigenen Gedankenreise

Das Buch ist nicht leicht zu lesen, Gespräche sind immer lebendig und assoziativ, manchmal sprunghaft. Hilfreich ist die umfassende Einführung  des Interviewers (S.15-61), weil sie das Lebenswerk Illichs analysierend umreißt. Und wer sich durch die spürbaren Veränderungen im Denken Illichs, durch gewisse Widersprüchlichkeiten irritiert sieht, kann im Anhang des Buches einen klärenden Versuch von Domenico Farias durchdenken. Dieser Studienfreund meint letztlich, alles Denken dieses Genius auf tief im Bewusstsein verankerte Formeln der Kirchenväter zurückführen zu können (S.281-296).

Der lebendige Austausch zwischen Cayley und Illich motiviert die Lesenden auf jeden Fall zu eigenen Gedankenreisen quer durch die Jahrhunderte, rund um berühmte Vordenker und Freunde Illichs bis hin zu den Problemen der Gegenwart und ist insofern ein besonderer Schatz.

Als über 60-Jähriger ist es Illich bei aller Kritik an der westlichen Kultur wichtig, auf unsere Grenzen hinzuweisen. Da kann er, wohl auch als Theologe, der sich einer höheren Macht anvertraut weiß, formulieren: “Es mag ein Morgen geben, aber wir haben keine Zukunft, über die wir etwas sagen können oder über die wir irgend eine Macht haben. Wir sind radikal machtlos…. Die Leute, die über … die globale Verantwortung sprechen und davon ausgehen, dass ein herbei phantasiertes wir etwas diesbezüglich tun sollten, tanzen einen närrischen Tanz, der sie verrückt macht” (S.258).

Diese Haltung mag Lesende erstaunen, verunsichern, enttäuschen.

Als Cayley ihn darauf hinweist, dass dies als Einladung zur Verzweiflung verstanden werden kann, erwidert er: “Ich kenne nur einen Weg, uns zu verwandeln… und das ist die tiefe Freude daran, in diesem Moment lebendig zu sein (S.258).

Elisabeth E. Schwarz / Karl W. Schwarz


„Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren.“
Ivan Illich

Was bedeutet es, Ivan Illich heute zu lesen? Hans Göttel, Studienleiter i. R. und Vorsitzender des internationalen Beirats der Akademie Pannoien nähert sich der Frage in einem Essay.


Dem Himmel und der Erde treu.

Ivan Illich 1926-2002

Der aus dem Weltraum fotografierte Blaue Planet war für Ivan Illich genau das: ein Foto, technisch aufwendig produziert, um die Erde, die er bewohnte, aufzuheben. Es war an der Zeit, Zukunftsmanager wie (ihre) Entwicklungshelfer brauchten das Bild, wie die vielen besorgten Menschen, die sich bereitwillig globale Verantwortung aufluden und wohl davon ausgingen, dass ein herbeiphantasiertes planetares Wir sie eines Tages entlasten würde. Im icon des Blauen Planeten wurde das Überleben der Menschheit zum Fetisch, die Ökokratie zur Erziehungsmatrix, während sich die globale Zivilgesellschaft zum Regentanz versammelte. Illich blieb nachdenklich zurück, als seine irdischen Mitbewohner hurtig in semantische Raumfähren stiegen, um aus dem biblischen Welt- und Menschenbild hinauszufliegen. Für ihn kam eine weltanschauliche Übersiedelung in planetares Denken nicht in Frage, ebenso wenig die Übernahme von globaler Verantwortung. Er blieb seiner Erde treu. An ihr konnte er schnüffeln, ihren Boden küssen, sie krümeln. Und so stellte er klar: „Ich lebe nicht auf einem Planeten.“

Ivan Illich (1926-2002), vor 100 Jahren in Wien geboren, war katholischer Priester und radikaler Kritiker der grenzenlosen Wachstumsgesellschaft. Seine Analysen zu fehlgeleiteter Entwicklungspolitik sowie zur Kontraproduktivität moderner Institutionen waren in den 1970er Jahren provokant, irritierend und beliebt. Sie erweisen sich rückblickend als hellsichtig und tiefgründig. Er zog Querdenker und Intellektuelle in seinen Bann, erregte die Aufmerksamkeit der Medien und wurde berühmt, ein Guru, bis seine Gefolgschaft zu bemerken meinte, dass er rückwärtsgewandt und ziemlich konservativ ist. Sein Hinweis darauf, dass Gott keine Menschen, sondern Mann und Frau erschaffen habe und dass die Auflösung traditioneller, komplementärer Zweigeschlechtlichkeit – Gender – die Frauen mehr belasten als befreien werde, erschien feministischen Wissenschaftlerinnen allzu nostalgisch und für ihren politischen Kampf unbrauchbar; abgesehen vom eigentlichen Begriff „Gender“, der aus Illichs Analyse entwendet, rasch für die Forderung nach Gleichstellung verwendet und mainstream wurde. In den 1980er-Jahren zog sich Illich aus öffentlichen Debatten und Polemiken zurück, lehrte an Universitäten und forschte zu unsichtbar gewordenen Zutaten der modernen Entwicklung.

Auf das Jetzt seiner Lesbarkeit setzt der Verlag Akademie Pannonien in Eisenstadt mit einer deutschsprachigen Veröffentlichung von Interviews, die der kanadische Autor und Journalist David Cayley Ende der 1980er-Jahre mit Illich geführt hatte. (David Cayley: Entlang der Wasserscheide. Im Gespräch mit Ivan Illich, 2026)

Gutes Leben war für Ivan Illich erdfest, berührbar, eingebettet in Landschaft, Freundschaft und Tradition. Es entfaltet sich kosmisch, d.h. griechisch: in schöner Anordnung und logisch, d.h. griechisch: in rechten Proportionen – wie zum Beispiel versammelt um einen Topf dampfender Nudeln in einem gastfreundlichen Haus mit ausreichend Weinvorrat. Hier sah Illich das Denken (her)vorkommen, als mündliche Improvisation unter Freunden, also in einer leibhaften, sinnlichen Praxis, konspirativ, im Zusammenfließen des Atems, der das Gespräch anhaucht. Teilnehmer an seinen Seminaren zog er gerne fort von der Universität, um dem Gespräch in seinem Haus, in seiner Bibliothek das bekömmliche Milieu zu bieten: eine freundliche, weltoffene Gastlichkeit. Er benannte es mit einem feinen Fundstück aus alter Zeit: Convivialität.

Hier finden Theorien ihr Haus des Seins, wie im einstigen Symposion, das kein beiläufiges Trinkgelage, sondern eine hoch ritualisierte Form der Tugendhaftigkeit in formvoller Freizügigkeit war. Mittlerweile ist das Symposion an Universitäten und in der Erwachsenenbildung vertrocknet, weil sich Wissen in diesen Institutionen und ihren Eventlocations von Körper, Rausch und Gemeinschaft gelöst hatte. Moderne Wissenskulturen bewerten Kontrolle höher als Verwandlung.

Gerade als die Allianz für den Fortschritt am Beginn der 1960er-Jahre durch John F. Kennedy ausgerufen wurde, führte Illich in kecken Pamphleten die Heiligen Kühe der westlichen Zivilisation – Fortschritt und Entwicklung – zur Schlachtbank. Angehenden Entwicklungshelfern, für deren Ausbildung er im Auftrag der Kirche eine Zeitlang zuständig war, empfahl er, zu Hause zu bleiben. Ihre guten Absichten schickte er zum Teufel. Die sogenannte Dritte Welt – eine Erfindung des CIA – brauche sie nicht, diese Wegbereiter für Coca-Cola, neue Ausbeutung und Zerstörung sich selbstversorgender Lebenswelten. Auf die Frage, ob er sich nicht um die hungernden Kinder Afrikas sorge, meinte er: „Geht mich nichts an“ – um damit zu demonstrieren, dass man verantwortlich nur für die Dinge sein kann, für die man etwas tun kann.

Er zog mit Spott über moderne Mythen und Institutionen her und nahm die Schule als erste aufs Korn, sah er doch in ihr die universelle und unverzichtbare Vorbedingung für das, was man Entwicklung nennt. Seine Parole „Entschulung der Gesellschaft“ zielte nicht auf ihre gänzliche Abschaffung, aber ihre Entkoppelung von den verpflichtenden Regimen des Staates und der Kirche, weil dies weder der Bildung noch der Autonomie des Menschen diene. Ebenso frech forderte er das Verschwinden des Priesters. Und des Arztes. Überhaupt, das Ende von Professionalisierung in den Vollzügen der Menschenbildung. Sinngemäß und gleichzeitig ließ der deutsche Aktionskünstler Joseph Beuys, auch er zum Guru avanciert, vernehmen: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Beide waren in den 1970er-Jahren zentrale Figuren einer radikalen Kritik der Industriegesellschaft.

Gurus denken theologisch und sprechen anders: künstlerisch, politisch, oder wie Illich, als Historiker, weil er nicht als Fundamentalist oder gar als katholischer Theologe, der er war, erscheinen wollte. Nach Konflikten mit dem Vatikan verzichtete er auf sein Lehramt. Beuys trat aus der Kunst aus, um seine Vorbehalte gegen den Kunstbetrieb zu inszenieren. Beide waren auf Spurensuche nach Totem. Sie suchten nach Bewusstsein, das fehlte, das verlorengegangen, untergegangen war; das, wie Abel, Gott zwar gefällt, doch nicht zur Sprache kommt, weil es gar nicht spricht und vom Fortschritt erschlagen wird. Von Positionen des Vergangenen, des Untergegangenen, blickten sie auf Gegenwart, nicht, wie es üblich und übel ist, um zu legitimieren, was sich durchgesetzt hat, sondern um das zu betrauern, was untergegangen ist und um zu verstehen, was der „dürftigen Zeit“ (Hölderlin) so fehlt.

Solche Erkundungen in Verlorenes ließ Illich nicht von Zukunftsvisionen verblenden. Er zeigte zwar auf, was so nicht weitergehen kann, wogegen zu kämpfen ist, aber auch wie absurd Phantasiegebilde einer besseren Welt sind. Lieber blickte er auf die Gegenwart im Lichte der vielen Geschichten der Geschichte, ohne die Schatten der Zukunft, weil die modernen Modalitäten – Programme und Projekte – eine offene Zukunft nicht zulassen können. Durch sie machen sich Existenzweisen der Planung, der Berechnung, der Ansprüche, der Absicherungen und Versicherungen breit, während sich die Welt als Gabe Gottes schlichtweg nicht auszahlt. Sie ist umsonst.

Illich revoltierte nicht, vielmehr bekannte er seine schmerzende Treue: „Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren.“ Er plädierte dafür, sich in einer solchen Welt dem Anderen zuzuwenden, anstatt sich um Transformation von Institutionen zu bemühen. Kleine Handlungen närrischer Entsagung, kleine Verrückungen hielt er für sinnvoller, als auf Fundamentalismus und Identitäten zu bauen. In „dürftiger Zeit“ – ohne Götter und ohne Sinn – lässt sich mit denen, die man liebt, gut leben, umso besser, je geübter in der Selbstbeschränkung, freilich nicht, weil man sich in der Mächtigkeit glaubt, dadurch die Welt vor der ökologischen Katastrophe retten zu können; Das Maßvolle möge angestrebt werden, weil man es schlichtweg als gut erkennt und weil man mit einem Schritt zurück, die Zwänge der Welt vorbeilassen kann. In neuem Zustand der Seele – Hexis, wie die alten Griechen sagten – lassen sich Konsumgesellschaft und der Supermärkte, diese Irrenanstalten, verhexen.

Forderung nach einer Post-Wachstums-Ökonomie waren für Illich zu wenig anspruchsvoll, schließlich endet jedes Wachstum ohnehin irgendwann und irgendwie; wonach er auf überwachsenen Pfaden suchte, waren Wege zu einer Begrenzung von Wachstum und einer Wiederherstellung autonomer, selbstversorgender Lebensweisen.

Ivan Illich bewegte sich in seinen Analysen hin zu Wasserscheiden des Denkens, die erkennen lassen, wann und wo sich Denkmuster grundlegend verändern, und zwar so, dass ein Zurück nicht mehr möglich ist. Eine solche behauptete er, gerade zu seinen Lebzeiten im Übergang von einem instrumentellen zu einem systemischen Zeitalter wahrzunehmen. Er warnte vor der Vermischung von Mensch und Maschine und den Verlust der persönlichen Autonomie in der eingerichteten Funktion als Subsystem und user.

Weder hielt Illich eine Rückkehr in vergangene Lebenswelten für möglich, noch wollte er – als Christ – einen Neubeginn ausschließen. Doch für einen solchen braucht es Auferstehung – und Auf-hören. Nur im bewussten Nicht-Planen – der Zukunft, des Anderen – könne man erwarten, was geschenkt wird; und hoffen, dass ein uns Widerfahrendes unsere Vorstellungen bricht und uns von unseren Selbstverständlichkeiten entfremdet. Im Antlitz des Anderen können wir absehen von icons und, wenn wir es schaffen auf-zu-hören, das Geheiß zur Ich-Werdung vernehmen.

Und was die Sorge um das Globale angeht, ist sie in der Treue zu Himmel und Erde gut aufgehoben, wie ein Seelenverwandter Illichs, Dag Hammarskjöld, schwedischer Diplomat und Mystiker, Generalsekretär der Vereinten Nationen 1953-1961 in seinem Tagebuch festhält: „Das Seil über den Abgrund wird von jenen gespannt werden, die es am Himmel befestigen können.“

Hans Göttel ist Studienleiter i.R. und Vorsitzender des internationalen Beirates für das Europahaus Burgenland / Akademie Pannonien.


Veranstaltungen Herbst 2026 im Europahaus Burgenland zu Ivan Illich

Menschen am Fluss im globalen Süden. Erfahrungen und Information
Dienstag, 13. Oktober 2026, 18:00 I Europahaus Burgenland, Campus 2, 7000 Eisenstadt

Was bedeutet es, einen Fluss als lebendiges Wesen und nicht bloß als Naturressource zu verstehen? Und welche Bedeutung haben Flüsse für die Menschen, die mit und von ihnen leben?

Der Vortrag nimmt diese Fragen ausgehend von den Erfahrungen von Menschen im globalen Süden in den Blick. Ein Beispiel ist der Fluss Los Cedros in Ecuador, dem 2022 auf Grundlage der ecuadorianischen Verfassung das Recht auf Leben zugesprochen wurde.
Den gedanklichen Ausgangspunkt bildet ein Essay des österreichisch-mexikanischen Philosophen und Gesellschaftskritikers Ivan Illich (1926–2002). In „H2O und die Wasser des Vergessens“ (1985) beschreibt er, wie Wasser im Laufe der Geschichte seine mythische Bedeutung verlor und zunehmend zur bloßen Ressource und zum urbanen Reinigungsmittel wurde.

Referentin: Prof. Martina Kaller ist Historikerin und Lateinamerikanistin an der Universität Wien. Sie forscht und lehrt zu Globalgeschichte, Lateinamerika, Entwicklungsfragen und den Arbeiten Ivan Illichs. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf globalen und interdisziplinären Perspektiven

ANMELDUNG ZUR VERANSTALTUNG


Forschen entlang der Wasserscheide – in den Spuren von Ivan Illich (1926-2002)
Freitag, 11. Dezember 2026 | 14:00 – 17:00 I Rathaussaal Eisenstadt, Hauptstraße 35

Die Konferenz ist eine jährlich stattfindende Begegnung zwischen einem universitären Netzwerk aus Mittel- und Südosteuropa DOCTORATE PANEUROPEAN STUDIES und der AKADEMIE PANNONIEN, einer Initiative des Europahauses Burgenland.

Ivan Illich nahm in seinen Pamphleten der 1970er-Jahre die mythenbildenden Rituale der modernen Welt, wie Schule, Wissenschaft, Medizin, Entwicklungshilfe aufs Korn, was ihm viel öffentliche Wahrnehmung bescherte. Seine Analysen provozierten und irritierten damals, heute ist das mediale Interesse verschwunden, was die Lesbarkeit und die Bedeutsamkeiten seiner hellsichtigen und tiefgründigen Überlegungen nicht mindert.

Tatsächlich zeigen sich da und dort in Europa neue Versuche, Illichs Werk wieder zu lesen und seine Tiefe zu ergründen – im Hinblick auf die Folgen einer Technologie und Ökonomie, die sich selber nicht zu begrenzen weiß und im Hinblick auf eine Sprache / Kultur, die keine Fassungskraft mehr hat.

Nicht zuletzt kann das Wirkungsfeld der akademischen Akteure DOCTORATE PANEUROPEAN STUDIES und AKADEMIE PANNONIEN, also Mittel- bzw. Südosteuropa, als epistemischer Raum mit Illichs Biographie verbunden werden.

Die Konferenz lädt ein zur Vermessung neuer Forschungsfelder durch das Lesen und Auslesen der Schriften Ivan Illichs.

ANMELDUNG zur Konferenz